Ein
Bremer Lehrer versuchte sich in dem gefährlichsten Kampfsport
der Welt. In Thailand trat er gegen einen einheimischen Profi an.
Ihm gelang was bislang noch kein Europäer schaffte: ein K.o.-
Sieg. In dieser exotischen Sportart wird mit Fäusten geschlagen
und mit den Füßen getreten.
Gong zur dritten Runde. Drei Minuten Kampf. Kampf bis aufs
Blut. Alles ist erlaubt, fast alles. Klaus wollte seinen Gegner das
Knie an den Kiefer knallen oder die Ellenbogen ins Gesicht. Klaus
wollte mit seinem Gegnerkurzen Prozeß machen. Und jetzt? Jetzt
ist Klaus vor Erschöpfung stehend k.o. Aber er steht noch. Er
starrt er stiert. Er reagiert nur noch instinktiv, nicht mehr kontrolliert.
Aber er steht noch auf den Beinen und will unbedingt gewinnen. Sein
Gegner wirkt frischer. Aitong blutet seit der zweiten Runde über
der rechten Augenbraue und zieht sein rechtes Bein nach. Klaus trat
ihm anfangs unentwegt in die Beine, um sie zu ermüden. Trotzdem
- Aitong ist noch gefährlich. Das Gesicht, ein Pokerface. Es
verrät keinen Schmerz, keine Erschöpfung. Nur Entschlossenheit.
Aitong ist erst 18 Jahre, aber kampferprobt. In seinem Körper
steckt jahrelanges Training. Er will gewinnen, egal wie. Auf Biegen
und Brechen. Auf Leben oder - ja, auch das. Jeder Kampf ist ein kompromißloser
Existenzkampf für einen Thai Boxer. Das Kampfgeschehen wird von
Musik begleitet, Aber was heißt Musik? Zwei Thais trommeln unergründliche
Rhythmen, um den Kampf anzuheizen Das Gesicht von Klaus erzählt
die Strapazen der beiden ersten Runden. Er hat Mühe, seine Hände
zur Deckung vor den Kopf zu halten. Die Sechs-Unzen-Handschuhe wiegen
schon Tonnen. Da wieder ein übler Kopftreffer und noch einer.
Klaus steckt ein. Und teilt aus, unterbewußt nur noch, ohne
Konzept. Er tritt nur noch gelegentlich. Er fightet nur noch mit den
Fäusten. Ein Ellenbogen trifft ihn am Kopf, denn noch ein Schwinger.
Er schwankt. Er klammert - das ist klug. Was macht er da? Einen völlig
überraschenden Hüftwurf. Aitong kracht zu Boden. Klaus auf
ihn drauf. Das zählt. Der Ringrichter signalisiert "Vorteil
rote Ecke" da ist was los. Dannapa Sonsakset und Huan, die beiden
Betreuer von Klaus, hüpfen vor Freude, tanzen. Die Mehrzahl der
rund tausend Zuschauer im schäbigen Thai-Boxring Stadium Spankin
von Phuket, im Süden Thailands, toben. Gibt es denn so was? Der
deutsche Herausforderer steht noch immer auf den Beinen und jetzt
dieser Hüftwurf. Es hat in der Vergangenheit erst 55 Kämpfer
fremder Herkunft gegeben, die gegen Thai-Boxer angetreten sind. 51
von ihnen, darunter Karatekämpfer aus Japan und Kung-Fu-Fighter
aus Hongkong, überstanden noch nicht mal die erste Runde ohne
Knockout. Und dieser Klaus hat es jetzt tatsächlich geschafft,
sich auch über die dritte Runde zu retten. "Klaus, Klaus",
skandieren deutsche Touristen. "Mr. Clouse, Germany" vs.
"Aitong, Phuket" kündeten Plakate. Der siebte Kampf
an diesem Abend. Die anderen sechs waren schon brutale, bedingungslose
Schlägereien. Aber dieser Kampf tut vom Zuschauen weh. Klaus
Handke, 25 Jahre alt, gebürtiger Bremer, staatlich geprüfter
Gymnastiklehrer, erfahrener Karatelehrer (2.Dan), kann einem leid
tun. Er war fasziniert von der Idee, einen Kampf im Thai-Boxen zu
riskieren, vielleicht zu gewinnen. Er wollte das vom ersten Moment
an, seit er im Lande lebt. Das ist elf Monate her. In Bremen hatte
ihm ein Seemann von der thailändischen Insel Phuket vorgeschwärmt,
von den traumhaften Stränden, dort, von der lässigen Atmosphäre.
Da fuhr er einfach los, "weil er auf Sonne steht", weil
er "hier immer an der Luft sein kann", weil er als Selbstverteidigungs-Freak
seinen Stil durch Thai-Boxen vervollkommnen wollte. Für einen
Karate-Kämpfer wie Klaus Handke bedeutet Thai-Boxen das Nonplusultra
aller Kampfstile. Und auch die sogenannten Vollkontakt-Karatekämpfer
("Kick-Boxen") betrachten Thai-Boxen als gefährlichste
und wirksamste Variante. Denn hier darf, außer mit den Fäusten
und den Füßen, auch mit den Knien und Ellenbogen angegriffen
werden. Und das sind die wirksamsten Waffen eines Menschen. Klaus
hat das zu spüren bekommen in den ersten drei Runden. Gleich
ist die zweiminütige Kampfpause vorbei. Vor Erschöpfung
ist der Bremer vom Schemel gesackt. Dan und Huan fächeln ihm
frische Luft zu, kühlen mit Eisbeuteln seinen knallroten Kopf
und beschwatzen ihn mit Tips, die er ohnehin nicht mehr begreift.
Die vierte Runde. Schon trommeln sie wieder, rasseln und tröten.
Klaus kassiert. Schwinger, Gerade, Tritte, Stöße. Es klatscht
nur so. Er kann sich kaum noch wehren. Ob ihm jetzt Boonthan beisteht,
seine Wahrsagerin? An die glaubt er fest, an ihre übersinnliche
Hilfe. Vor dem Kampf sagte Boonthan Klaus den Sieg voraus. Um seinen
Kampfeswillen zu stärken, steckte sie ihm ein kleines Stück
Kraut unter die Zunge. Tatsächlich war Klaus daraufhin wie ein
Stier in den Ring geschnaubt und hatte sich nicht ehrerbietend wie
üblich vor der blauen Ecke des Gegners verneigt, sondern zornig
dort die Füße zu Boden gestampft. Da war das Publikum baff
und raste Aber jetzt kassiert Klaus Tritte, Stöße, Hiebe,
Schläge, Schwinger. Aus einem leidenschaftlichen Kampf ist ein
Leidenskampf geworden. Klaus kann kaum noch kontern. Er klammert,
er flieht durch den Ring, er torkelt, aber er steht noch immer auf
den Beinen. Wie bedauernswert, wie verwundbar er mit seinen 52 Kilogramm
jetzt wirkt. Leer. Aschfahl. Doch auch die Attacken seines Gegners
sind kraftloser geworden. Wo nimmt Aitong seine Energie noch her?
Kampfmaschinen sind die meisten. Sie trainierten jahrelang, bevor
sie Profis werden konnten. Knapp 10 000 Thai-Boxer kämpfen professionell
um Geldprämien. Doch nur rund 1000 haben ein Auskommen davon.
Der Marktwert jedes Kämpfers richtet sich nach seinen Erfolgen.
Spitzenleute kassieren schon 50 000 US-Dollar für einen Kampf.
Das ist für thailändische Normalverdiener eine unglaubliche
Summe. 200 Dollar Monatsgehalt ist Spitze. Wie hoch ist eigentlich
heute die Prämie? Für wie viel Baht wollen die einander
vernichten? Denn das wollen sie. Sechzig Prozent der Kampfkraft ist
Willenskraft. Der Wille zu siegen beherrscht jeden Kämpfer. Auch
diese beiden, Klaus und Aitong. Jäh erstirbt das Trommeln und
Tröten. Ende der vierten Runde. Klaus taumelt zurück in
seine rote Ecke, die er zunächst gar nicht finden kann. In der
blauen Ecke wird heftig geschimpft. Warum ist der Deutsche immer noch
nicht k.o.? Der sitzt auf seinem Schemel. Dan und Huan müssen
ihn stützen, damit er nicht wieder zusammenklappt. Aber da ist
noch der Wille, nicht umzufallen, nicht aufzugeben, zu gewinnen. Elf
Monate hat Klaus Handke für diesen Kampf trainiert. Strandläufe
bei Sonnenuntergang. Schattenboxen. Schufterei am Sandsack. Reflexe
schulen. Infight und Distanzgefühl aneignen. Schläge simulieren,
die den Gegner mit einem Schlag ausschalten sollen: auf die Leber,
Milz, Nieren auf den Solarplexus oder auf die Halsschlagader. In den
letzten zehn Tagen vor dem Kampf verzichtet Klaus sogar auf etwas,
was ihm wirklich schwergefallen ist: Er hielt sich von seiner Freundin
fern. Zwei Minuten Pause sind nichts. Wenn man halbtot ist. Huan fächelt.
Dan bläst Klaus Sauerstoff ins Ohr. Klaus kriegt das alles gar
nicht mehr mit. Da ist er wieder, der Gong. Das gnadenlose Trommeln
und Tröten setzt ein. Runde fünf. Noch mal drei Minuten.
180 lange Sekunden bis zum Ende dieses furchtbaren Fights. "Durchhalten,
Klaus", schreit einer der Touristen. Klaus schießt sie
tatsächlich ab, seine Spezialwaffe, einen aus der Drehung angesetzten
Stoß zum Kopf des Gegners. Das Publikum staunt, tobt . Der Gegner
ist zwar nicht hart getroffen, aber er wankt zurück. Klaus kann
nicht konsequent nachsetzen, dazu ist er zu ausgepowert. Aber er spürt
wohl unterbewußt, daß da noch ein Rest an Energie in ihm
glüht. Den mobilisiert er jetzt. Hört er das Publikum toben?
Plötzlich ist er wieder ein Kämpfer, schlägt, trifft
auch, steckt Schläge und Tritte einschlägt zurück.
"Klaus, Klaus, Klaus." Unvorstellbar, daß ein Fremder
einen Thai besiegt. Aber jetzt sieht es wirklich so aus. Klaus schlägt,
schlägt, schlägt. Mit wenig Wucht. Doch zwanzigmal ein wenig
Wucht wirkt auch . Ganz plötzlich liegt der Gegner am Boden.
Er hat alle viere von sich gestreckt. Die rote Ecke tanzt Die blaue
Ecke tobt Die Trommler, die Tröte stoppen abrupt Acht, neun,
aus. Mr. Clouse, Germany, besiegt Aitong, Phuket, durch K.o. in der
5. Runde Klaus kann seinen Sieg nicht fassen. Er kann kaum die Arme
heben, wie Sieger das tun müssen fürs Publikum. Er läßt
sich fünf, zehn Minuten lang im Ring feiern, und dann hat er
kaum die Kraft, durch die Seile zu steigen, um aus dem Ring herauszukommen.
Nach einer Viertelstunde ist sein Gesicht immer noch aschfahl, seine
Augen immer noch leer, schwitzt er immer noch Er liegt auf einer Pritsche.
Der Veranstalter kommt. Drückt ihm einen Umschlag in die Hand.